Warum Fräulein Laura freundlich war
Über die Wahrheit des Erzählens, Essay 2006
erhältlich als eBook bei Kindle

Warum sagen wir vieles nicht so, wie wir wollen? Warum übertreiben oder verschweigen wir, gebrauchen vage Sätze, falsche Worte? Warum gilt das insbesondere für unsere Erzählungen? Warum überhaupt hat es eine solche Bedeutung, wie wir unsere Erlebnisse erzählen, obwohl wir doch scheinbar reden können, wie's uns paßt? Nehmen wir mehr wahr, als wir wahr haben möchten? Und, falls ja: Was zwingt uns, dieses „Mehr“ auch auszudrücken? Ist es die „Wahrheit“? Woher käme sie? Warum hat der Begriff eine solche Bedeutung für uns, und warum tun wir uns mit ihm so schwer?

Man kann das Wort "Wahrheit" auch vermeiden. Nach einem kaum widerlegbaren Diktum von Nietzsche gibt es keine Wahrheit, nur Interpretationen. Aber: Es gibt doch Interpretationen von sehr unterschiedlichem Wert. Worin besteht der Wert? Worin der Unterschied? Und, um hier versuchsweise die "Wahrheit" durch den Begriff „treffende Deutung“ zu ersetzen: Kann es also sein, daß unsere Sprache tatsächlich eine Tendenz zu dieser treffenden Deutung hat, womit ich mit „uns“ nicht nur Logiker und Philosophen meine, sondern auch Leute, die über Sprache noch nie nachgedacht haben, und sogar notorische Lügner?

Der vermeintliche „Eigensinn“ der Sprache fasziniert mich, seit ich bewußt denken kann. Ich erlebe ihn täglich, beim Zuhören wie beim Lesen, beim Reden und Schreiben. Beim Lesen, wenn ich einen Autor in seinen Sätzen, seiner Wortwahl, seinem Duktus zu erkennen meine, als säße er leibhaftig vor mir. Beim Schreiben, wenn ich in meiner eigenen Sprache Möglichkeiten oder Defektem erkenne, von denen ich nichts ahnte; und natürlich, wenn meine Sätze mich nachts wecken und Korrekturen anbieten, als wollten sie besser werden. Mir schien immer, die Sprache sei unbestechlich, und nur unsere individuellen Grenzen (Zeit, Faulheit, Verstandesschwäche, Angst) hinderten uns daran, ihre Weisheit wahrzunehmen.

Eines Tages fragte ich mich, ob man all das nicht genauer beschreiben könne. Dieses Buch ist das Resultat.

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Es teilt sich in einen kurzen „theoretischen“ und einen längeren „praktischen“ Teil. Auch der theoretische Teil entspringt der Praxis, er geht von meiner künstlerischen Erfahrung aus und setzt entsprechende Akzente.

Der praktische Teil ist die Probe aufs Exempel: Eine Wahrheit des Erzählens findet man nur in konkreten Erzählungen. Ich suchte mir einige nach Thema oder Stil möglichst vertrackte Bücher unterschiedlichen Niveaus heraus. Der besseren Verständlichkeit wegen waren es deutschsprachige Erzählungen der letzten Jahrzehnte, und zwar Der Vater eines Mörders von Alfred Andersch (1980), Mein Leben von Marcel Reich-Ranicki (1999), und Die Blechtrommel von Günter Grass (1959).

Alle drei Bücher waren bei Kritik wie Publikum höchst erfolgreich und haben sich hunderttausendfach verkauft. Auch das war mir wichtig: Man muß sie nicht gelesen haben, um meine Argumentation zu verstehen – ich zitiere ausführlich –, aber wer sie kennt, kann meine Analyse mit mehr eigenen Eindrücken vergleichen.

Ich spreche über Grundlagen des Erzählens, aber jedes Buch hat auch ein aufwühlendes Thema, enthält viel Stoff und wirft Fragen auf, die über Stil und Struktur hinaus gehen. Ich stelle mich diesen Fragen, da ohne sie mancher Sprachknoten nicht zu erklären wäre. Dabei agiere ich zwangsläufig subjektiv, also geprägt von meiner eigenen Kunst, Herkunft und Gegenwart. Ich habe das benannt, soweit es mir bewußt war. Wo nicht, wird es für andere an meiner Sprache ablesbar sein.

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Mein Buch richtet sich nicht in erster Linie an Literaturspezialisten, sondern an alle, die gern zuhören und erzählen, an Schreibende, die ähnliche Fragen haben, an Leser, die es genauer wissen wollen, und an alle, die sich angerührt fühlen von der Klarheit und dem Geheimnis unserer Sprache.