Gottesdiener
Roman, 2004
Als Taschenbuch bei btb-Verlag sowie als eBook bei Kindle

Die häufigsten Fragen zum Buch, vor allem von Priestern, sind:

Hat die Kirche auf dieses Buch reagiert?
Nein. Aber warum sollte sie? Wenn ein Roman über Beamte erschiene, würde die Bundesregierung ebenfalls keine Stellungnahme abgeben. Einzelne Beteiligte würden vielleicht etwas sagen – aber als Personen, nicht als Repräsentanten. So ist es auch bei meinem Buch gewesen.

Es gab eine negative offizielle Reaktion in Passau.
Der Bistumssprecher von Passau warf dem Buch Kitsch und Klischees vor und riet von der Lektüre ab. Ich kenne aber die Hintergründe: Der Sprecher wurde eilig um eine Stellungnahme gebeten, las ganz schnell und konnte sich mit niemandem beraten, da das Buch noch nicht im Handel war. Nach etwas Überlegung wäre er wohl selbst darauf gekommen, daß er besser geschwiegen hätte.

Warum?
Weil er dort mit literarischen Kategorien operiert, die er nicht beherrscht, anstatt auf das einzugehen, was ihn störte. Offenbar fehlten ihm die Argumente.

Was kann ihn gestört haben?
Das Leben der Priester und des Dorfes, wie es in meinem Buch dargestellt wird, entsprach vielleicht nicht den Wünschen seines Bischofs, und er gab dem Buch die Schuld.

Sie zeichnen nicht alle Priester schmeichelhaft.
Ich zeichne niemanden schmeichelhaft, weder Priester noch Nichtpriester, das ist nicht meine Aufgabe. Es ist aber auch nicht meine Aufgabe, zu kritisieren.

Warum nicht?
Kritik ist sinnvoll, wenn sie sich auf einzelne Parameter beschränkt. Wenn z.B. ein Operntenor das hohe C nicht schafft, kann der Kritiker sagen: Das hohe C steht in der Partitur, der Sänger hat sich verpflichtet, das Publikum hat gezahlt; wenn er es nicht schafft, hat der Sänger versagt. Das ist der journalistische Aspekt. Er interessiert mich nicht. Ich frage: Warum ist das hohe C mißlungen? Warum hat der Sänger es versucht, obwohl er vielleicht erkältet war, übermüdet, eine Krise hatte, am Vorabend getrunken hat? Warum war er erkältet, in einer Krise, warum hat er getrunken? Warum hat er seinen Beruf ergriffen, warum ist er dabei geblieben, was bedeutet ihm das hohe C? Was bedeutet es überhaupt, und was treibt das Publikum, Geld für das hohe C zu bezahlen, sich für den Sänger zu begeistern und ihn im nächsten Augenblick auszupfeifen? Um Antworten zu finden, muß ich zunächst fragen: Was genau ist eigentlich passiert?

Gibt es ein Vorbild für Isidor?
Nein.

Warum muß Isidor stottern?
Ich sah, während ich nach meiner Hauptfigur suchte, auf einer Feier einen Priester, der mir interessant erschien. Er war vielleicht Mitte vierzig, sah gut aus, was er nicht zu wissen schien, und wirkte gleichermaßen gehemmt und beseelt. Jemand erzählte mir, daß er im Alltag stottere, beim Lesen der Liturgie aber nicht. In dieser Phase meiner Recherche sprach ich fast alle Priester an; nur bei ihm habe ich darauf verzichtet, vielleicht, weil ich schon spürte, daß mein Held sich aus ihm entwickeln könnte. Ich weiß nicht mal, wie er heißt. Übrigens scheint es häufiger stotternde Priester zu geben, denn nachdem mein Buch erschienen war, kamen verschiedene Anfragen, ob ich Herrn X. oder Y. oder Z. kenne – jeweils mit den Gemeindenamen. Dieser war nicht dabei.

Wäre es nicht auch ohne Stottern gegangen?
Ja. Aber die Befreiung vom Stottern ausgerechnet beim Sprechen heiliger Worte ist ein starkes poetisches Element. Das zum einen. Zum zweiten: Die Behinderung war eine gute Identifikationsmöglichkeit: Ich selbst bin hörbehindert, ich weiß, wie so etwas ist. Man reagiert oft falsch und gerät in dumme, manchmal peinliche Situationen. Aber das kann auch ein Ansporn sein, sich genauer Rechenschaft abzulegen und später die richtigen Worte zu finden.

Mit wie vielen Priestern haben Sie gesprochen?
Ich habe mit jedem gesprochen, der dazu bereit war. Einige Priester, vielleicht sieben oder acht, habe ich öfters zu mehrstündigen Gesprächen getroffen. Ich habe allen gesagt, daß ich einen Roman schreiben möchte, und ihnen angeboten, das Manuskript zu überprüfen, bevor es in Druck geht. Ich fragte: Habe ich etwas grundsätzlich falsch oder übertrieben dargestellt? In welcher Richtung? Habe ich entscheidende Aspekte vergessen, unterbewertet, fehlinterpretiert (welche)? Stimmen die Details? Ich sagte: Sie können ohne Begründung Ihre Informationen zurückziehen, falls Sie sich mißverstanden fühlen oder das Buch mißbilligen.

Das klingt konspirativ.
Nein, das mache ich immer bei solcher Recherche. Erstens bin ich wegen meiner schlechten Ohren oft nicht sicher, ob ich genau verstanden habe. Zweitens will ich nicht, daß jemand sich bloßgestellt fühlt. Drittens weiß ich, wie schnell man in einem intensiven Gespräch Dinge sagt, die man nicht gedruckt sehen möchte. Vor allem aber möchte ich möglichst genau verstehen, worum es geht. Ein realistischer Autor sollte seine Deutung der Wirklichkeit anpassen, nicht umgekehrt. Je mehr Wirklichkeit er erfaßt, desto aussagefähiger ist sein Zeugnis.

Gab es Rückzieher?
Nein. Ich habe allerdings auch keine Geschichte verwendet, die die Pfarrer mir erzählt hatten. Sie haben mich vor allem durch ihre Haltung, ihre Wortwahl, ihre Reflexionen inspiriert. Ohne sie hätte ich das Buch nicht schreiben können.

Wie reagierten sie auf das Manuskript?
Überwiegend positiv. Es gab nur minimale Korrekturen und wenige Bedenken.

Wie war das Echo nach der Veröffentlichung?
Ebenfalls überwiegend positiv in Briefen und Mails, übrigens von katholischen wie evangelischen Pfarrern. In persönlichen Gesprächen gelegentlich kritisch.

Was waren die Argumente?
Zum Beispiel: Die Priester seien zu fehlbar. Ich antworte: Wir alle sind fehlbar. Ideale Priester habe ich nicht getroffen, so wenig, wie ich ideale Künstler getroffen habe. Ideale Personen findet man nur in der Trivialliteratur.

Was gibt es noch für Kritik?
Das Buch sei zu wenig optimistisch. Ich denke, das hängt davon ab, was man vom Leben erwartet. Wer erwartet, daß alles gut ausgeht, wird enttäuscht werden. Aber wer das Leben nimmt, wie es kommt, kann ihm viel abgewinnen. Übrigens habe ich öfter gehört, daß „Gottesdiener“ ein ermutigendes, sogar romantisches Buch sei.

War es schwer, sich als Frau in einen katholischen Pfarrer einzufühlen?
Nein, denn es gibt viele Parallelen zu meinem Beruf. Das Spirituelle, Philosophische, die Moral, die Psychologie – die existentiellen Fragen. In einen Soldaten oder einen Börsenmakler könnte ich mich wahrscheinlich nicht hineinversetzen, da fehlen entscheidende Antriebe.

Sie beschäftigen sich viel mit der Praxis, auch der Philosophie des Berufs. Unklar bleibt das spirituelle Fundament.
Isidor ist kein Schwärmer. Das entspricht meiner Temperamentslage. Aber genau deshalb weiß ich, daß er – ganz ohne Ekstasen, mit seiner Distanz und seiner Skepsis – im Grunde seiner Seele sicher ist. Die Grundfrage: Was haben wir in der Hand? stellt sich dem Gläubigen ebenso wie dem Künstler. Zum Beispiel bin ich überzeugt, daß es in der Kunst um Wahrheit gehe. In meinem neuen Buch „Warum Fräulein Laura freundlich ist“, untersuche ich diese Frage. Es beschreibt unter anderem, wie die Wahrheit – in meiner Auffassung „treffende Deutung“ – in der Sprache jedes Menschen erkennbar ist, sogar in der Sprache eines Menschen, der unbewußt oder vorsätzlich lügt. Für mich ist das so deutlich, daß ich es mit Händen zu greifen meine. Dennoch könnte ich dieses Wunder einem desinteressierten Menschen nie erklären oder gar beweisen: Die Buchstaben der gedruckten „Kunst“ fangen nicht etwa an rot zu leuchten. Sie setzen sich, schwarz auf weiß, aus genau denselben Buchstaben zusammen wie die der Schundromane. Ohne die Wahrheit beweisen zu können, widme ich ihr mein Leben. Das ist ziemlich schwer, riskant und bisweilen lächerlich – aberes ist genau das, was ich tun muß, eine sogenannte Berufung wohl. So sehe ich auch Isidor.