Geschichte mit Pferden
Roman, 2001
erhältlich als eBook bei Kindle

Ich war ja sonst immer gehorsam bis zur Idiotie, aber auf einmal spürte ich in mir einen unangreifbaren Punkt. Später traute ich mich, die Türen aufzudrücken und heimlich ein Buch nach dem anderen herauszuholen und im Halbdunkel meines Zimmers zu lesen. Ich glaube, kein Glück kann mächtiger und direkter sein als das, das ich in diesen Stunden empfand. Ich dachte: Wer sein wahres Leben in Worte zu fassen vermag, dem kann nichts passieren. Der ist wirklich frei.

„Nach dem Künstler- nun also das Reitermilieu, der Erlhof von Hemjö Crove und seiner jungen Frau Gesine irgendwo in Norddeutschland, mit den im Wochenrhythmus wechselnden Feriengästen, den Lehrlingen und Stallarbeitern, dem Küchenpersonal und anderen Hilfskräften. Erzähler- und Reflektorfigur ist Nele Hassel, die erst für einige Wochen, dann für ein paar Jahre die Grossküche des Hofes leitet. Nele ist Jahrgang 1932 und hat schon einiges erlebt, aber so etwas noch nie: Crove und seine Frau nehmen enorme Summen von den zahlenden Gästen (und durch andere Geschäfte) ein, betrügen aber diese und ihre Angestellten, wo sie können, und sei es nur um Pfennige. In einer Mischung aus Gier und Chuzpe, Knickerigkeit und veritabler Kriminalität scheffeln sie hier und unterschlagen dort, in einem Ausmass, das der Beobachterin regelmässig die Kinnlade herunterfallen lässt. (...)

Das Verhältnis der beiden in Abhängigkeit und Hass verbundenen Gauner hat wenig Tragisches, aber viel Farcenhaftes, auch in der Wiederholung des Immergleichen. Die den Verhältnissen innewohnende Komik wächst mit zunehmendem Abstand: Am wenigsten zu lachen hat die Putzfrau, der Gesine noch das Trinkgeld vom Teller klaut; mehr schon die Beobachterin Nele, noch mehr die Autorin und am meisten die Leser. (...)

Petra Morsbach schreibt so, dass man ihr jedes Wort abnimmt. Von diesem Roman geht – wie bereits vom vorangegangenen – der überwältigende Eindruck aus, genau so sei das Leben. Morsbachs Kunst ist eine diskrete, die man leicht unterschätzt, zu der aber viel gehört: etwa zu verhindern, dass auch nur eine einzige Gestalt jemals ins Chargenhafte oder auch ins Betuliche kippt.“

Martin Ebel, NZZ